Johanneskirche Strättligen - moderne Architektur von hoher Qualität - Genna Website 2018

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Johanneskirche Thun - Strättligen -  Architektur von hoher Qualität

Das Architektenforum Thun hat am 5. April 2018 den renommierten ehemaligen Denkmalpfleger der Stadt Bern, Dr. Bernhard Furrer, zu einem Referat mit Führung durch die Johanneskirche Strättligen eingeladen. Mit seiner Dissertation "Zwischen übernommener Moderne und neuer Tradition. Die Architektur der Kriegs- und Nachkriegszeit im Kanton Bern, 1939-1960" gehört er zu den ausgewiesenen Kennern der modernen Architektur.

Wenig überraschend kommt er zum Schluss, dass es sich bei der Johanneskirche Thun um einen sehr speziellen und architektonisch hochstehenden Bau handelt. Wer diese Kirche kennt und auch nur ein wenig Sinn für architektonische Qualitäten hat, kann dem kaum widersprechen. Entworfen wurde das kirchliche Zentrum von Architekt BSA Werner Künzi (1921-1997).   

Dr. Furrer wies in seinem Referat u.a. auf folgende speziellen Qualitäten des Baus hin:
  • Ganz bewusst hat der Architekt aussen ausschliesslich auf das Material Sichtbeton gesetzt, innen kombiniert mit Holz. Mit den vielschichtigen gestalterischen Elementen hebt sich dieser Bau bewusst von den phantasielosen Zweckbauten der Entstehungszeit ab, ohne unruhig zu wirken.
  • Die Form und Neigewinkel der Vordächer sind das Sinnbild für segnenden Arme, der Eingangsbereich zieht die Menschen ohne Beschilderung zur Türe hin, von wo sie dann in den sich nach vorne öffnenden  Kirchenraum hinein entlassen werden.
  • Der Vorplatz dient als Treffpunkt und soll Gemeinschaft ermöglichen. Das Relief an der Mauer vor der Kirche ist leider mit Pflanzen verdeckt, es stammt vom Thuner Künstler Knud Jacobsen und stellt die vier apokalyptischen Reiter dar.(Vielleicht schickt die Kirchgemeinde mal einen Gärtner vorbei?).
  • Der frei stehende Turm betont die Dimension hin zu Gott.
  • Der Innenraum hat bewusst keine parallelen Wände, was der Kirche zu einer ausserordentlichen Akustik verhilft. Die zahlreichen Zuhörer konnten dies mit einem Musikvortrag (Orgel und Violine) gleich selber erleben. Am Ostermontag begeisterte auch der Thuner Geiger Alexandre Dubach die Zuhörer, ganz bewusst wählte er diesen Klangraum aus.
  • Der Lichteinfall ist mit Oberlichtern und Betonlamellen sehr bewusst gestaltet, sodass die Pfarrperson auf der Kanzel nicht geblendet, aber doch vom Tageslicht angeleuchtet wird,
  • Die Kanzel steht zwischen Kirchenraum und dem angrenzenden Kirchgemeindesaal: wenn die versenkbare Wand geöffnet ist, können bis zu 700 Personen von der Kanzel aus angesprochen werden. Dies ist absolut einzigartig.
  • Die Johanneskirche ist bewusst nicht nur als Kirche, sondern als kirchliches Zentrum mit vielen mehrfach nutzbaren Räumen konzipiert worden, ein heute absolut zeitgemässes Konzept.
  • Dr. Furrer konnte die Augen hinführen zu vielen Details. Betrachten wir z.B. das vom Architekten selber entworfene Holzrelief an der vorderen Kirchenwand, so erkennt man plötzlich nicht nur ein Kreuz sondern drei Kreuze (zwei davon als "negative" zwischen den Hölzern). Furrer meinte trocken: Wem die Predigt zu langweilig wird, der kann sich an dieser tollen Architektur satt sehen.

Zahlreiche Thuner Architekten waren anwesend. Diverse Architekten mit grosser denkmalpflegerischer Erfahrung haben mir bestätigt, dass die Aussagen von Herrn Furrer zutreffend sind: bei der Johanneskirche Strättligen handelt es sich um einen qualitativ hochstehenden Zeitzeugen, der speziell auf eine kirchliche und quartiernahe Nutzung ausgerichtet ist. Eine Umnutzung ist zwar nicht ausgeschlossen, jedoch müssten die wesentlichen Gestaltungselemente erhalten bleiben.

Bezüglich der Bausubstanz äussert sich Dr. Furrer überraschend eindeutig: die Substanz ist ausgezeichnet, eine Totalrenovation drängt sich im jetzigen Zeitpunkt nicht auf. Allerdings wurde der Unterhalt offenbar einige Jahre vernachlässigt, sodass es hier einen gewisser Nachholbedarf gibt. Renovationskosten von 5 Mio Franken, wie sie vom Kleinen Kirchenrat in der Abstimmungsbotschaft erwähnt werden, sind jedoch völlig unrealistisch. Eine Solarenergiegewinnung auf den Dächern ist möglich, ebenso können einzelne oder alle Fenster ersetzt werden Bei allen Massnahmen ist die graue Energie in die Ueberlegungen einzubeziehen. Eine Absenkung der Raumtemperatur um einige Grad würde auf jeden Fall viel mehr Energie sparen als teure Islationsmassnahmen. Dr. Furrer bestätigt damit die Einschätzung einer Architektengruppe, die in einem Bericht an das Initiativkomitee zum gleichen Schluss kamen. Diese Architektengruppe wurde als "Hobby-Architekten" disqualifiziert, bei Dr. Bernhard Furrer dürfte eine solche Herabsetzung wohl etwas gewagt sein.

Es stellt sich die Frage, ob die Information des Kleinen Kirchenrates in der Abstimmungsbroschüre nicht an Desinformation grenzt, wenn immer von 5 Mio Franken Renovationskosten geredet wird. Man muss dem Kleinen Kirchenrat zugutehalten dass er seinerseits eine Kostenschätzung machen liess, allerdings ist diese nicht öffentlich zugänglich und kann deshalb auch nicht hinterfragt werden. Nach dem Referat Furrer steht aber fest, dass kurzfristig kein so hoher Investitionsbedarf besteht, d.h. man hätte einige Jahre Zeit, eine Nutzungsstrategie über alle Liegenschaften der Gesamtkirchgemeinde zu erstellen, unter Einbezug aller Kirchgemeinden und Quartiere.
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