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Vom commodore 64 zu facebook

Gedanken zur Zeit

Fest im Griff der Computerwelt

Anfangs der 80-er-Jahre kamen die ersten Personal Computer auf. Da war ich gerade 30 Jahre alt. Nein, als Jurist werde ich das sicher nie brauchen. Wenn schon, muss vielleicht mal eine Sekretärin die IBM-Kugelkopfmaschine gegen ein solches Unding tauschen, oder zumindest mit einer Schreibmaschine mit Display. Aber ich: nein, ich bleibe bei den Büchern und ich bleibe bei der alten Hermes Schreibmaschine. Stolz weise ich darauf hin, dass ich in meinem früheren Gerichtsschreiberleben sogar mit den Noiseless-Maschinen zurecht gekommen bin - etwas, das die wenigsten Gerichtsangestellten im Kanton Bern schafften.

Ich war also überzeugt, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis sich die Personal Computer im Alltagsleben durchsetzen würden. Doch ich sollte mich täuschen: Rasend schnell rollte die Computerwelle auf uns zu, und weil ich ja nicht zum alten Eisen gehören wollte, entschied ich mich, meinen ersten Computer anzuschaffen. Es folgte eine intensive Evaluation zwischen den damals erhältlichen Standards: Mein Mitarbeiter schwärmte für den Commodore 64, den er eben angeschafft hatte und mit welchem man schon ganz lustige Spiele spielen konnte. Das sei das Gerät der Zukunft, war er überzeugt. In meiner Nüchternheit entschloss ich mich, einen "ibm-kompatiblen" Computer zu kaufen. Der war zwar langweiliger, hatte keine Spiele drauf, war auch enorm teuer. Das Gerät ohne Festplatte kostete mit allem Drum und Dran rund 8000 Franken! Stellen Sie sich vor: 8 mille für einen "Schrott-Computer" ohne Spiele.... mein Mitarbeiter schüttelte nur den Kopf. Aber ich wollte ein Gerät, wie es in den Büros Einzug halten würde.

Von nun an vergrub ich mich hinter meinen Computer. In der Dachmansarde, die nur knapp heizbar war, arbeitete ich mit zwei dicken Pullovern an meinem ersten Basic-Programm: Super, das konnte ausrechnen, wie gross das Kapital im Alter 65 sein würde, wenn ich jeden Tag einen bestimmten Betrag sparen würde und sich dieser Betrag mit Zins und Zinseszins auf der Bank wunderbar vermehren würde. Auf Knopfdruck wurde ich jeweils ein reicher Mann, ich musste nur noch den Sparbetrag und den Zinssatz eingeben, dann ratterte die Maschine und zeigte nach wenigen Sekunden das richtige Resultat: "Sie werden im Alter 65 haben: 655'343 Franken.

Als meine Rechenkünste dank Basic markant verbessert waren, schlich sich das Bedürfnis nach einer Graphikkarte ein. Eine Hercules-Karte musste es schon sein, schwarz-weiss zwar, aber immerhin: Der Computerdeckel wurde abgeschraubt - uff, Stecker ausziehen, sonst gibts einen Kurzen. Dann Karte einsetzen, dip-switch-schalter in die richtige Position, Deckel zuschrauben. Schon gelang es mir, mit meinem Basic-Programm ein Haus zu zeichnen, das als solches erkennbar war: Wände, ein Dach mit Ziegeln und einem Kamin, eine Haustür, zwei Fenster. Wie war ich stolz, als ich dieses Produkt sogar ausdrucken konnte mit meinem Nadeldrucker.....

Schon bald einmal gab es die ersten Festplatten. Also baute ich auch eine Festplatte in meinen Computer ein, eine Graphikkarte von irgend einem japanischen Hersteller, und wie war ich da stolz: plötzlich konnte ich 20 Megabytes speichern, stellen Sie sich vor: 20 Megabytes statt nur die paar Kilobytes, die auf eine Flexi-Disk passten. Heute würden man laut heraus lachen, wenn ich jemandem sagte, ich hätte einen Computer mit 20 Megabytes Speicherplatte gekauft. Aber damals genügte das recht lange, d.h. einige Monate.

Das IBM-DOS-Betriebssystem setzte sich dann tatsächlich durch, ich hatte also aufs richige Pferd gesetzt und das Commodore-Spielzeitalter zu Recht übersprungen. Nur: nun entdeckte Bill Gates die Computerei, und aus IBM-DOS wurde MS-Dos, dann Windows in all seinen Versionen. Und jedes Mal, d.h. alle paar Jahre, musste eine neue Maschine her, weil ja die alte zu wenig Kraft hatte, um mit den neuen Programmen fertig zu werden.

In den 90-er Jahren kam das Internet auf. Auch hier war ich anfänglich überzeugt, dass ich diese blöde Mode nicht auch mitmachen müsse - doch nach wenigen Monaten wurde ich eines Besseren belehrt. Also kaufte ich mir ein Modem, das so langsam war, dass ich stunden lang wartete, wenn ich ein Bild "laden" wollte. Die Graphikanwendungen erforderten immer schnellere Leitungen. Via ISDN landete ich schliesslich zum adsl-Standard, und schon jetzt ist klar, dass in Kürze wieder etwas noch viel Besseres und Schnelleres ins Haus kommen muss. Seither wird gegoogelt und gemailt, was das Zeugs hält. Und seit wenigen Tagen habe ich sogar einen VPN - anschluss ins Büro: Virtual Private Networking, sagt man dem, tatsächlich bin ich nun im Spinnenetz der virtuellen Welt gefangen.

Noch vor einem Monat habe ich jedem gesagt, der es hören und nicht hören wollte: "Facebook ? - kommt doch gar nicht in Frage!". Die guten Vorsätze sind verflogen, letzte Woche bin ich dem Facebook beigetreten. Schliesslich hat Obama so seine Wahlen gewonnen, wurde ich belehrt, und wer im Leben Erfolg haben will, muss hier unbedingt drin sein: Quod non est in actis, non est in mundo, haben wir Römischrechtler noch gelernt: was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Neu müsste es heissen: Qui non est in Facebook, non est in mundo: Wer nicht im Facebook ist, ist nicht auf dieser Welt.

Nun habe ich schon gegen 100 Freunde, könnte wahrscheinlich gut und gerne deren 1000 haben, aber im Moment muss ich bremsen, sonst muss ich den ganzen Tag meine Pinwand beobachten und sehe vor lauter Einträgen nicht mehr, was wirklich wichtig ist. Und doch: Faszinierend ist es ja schon, diese Art online-Kommunikation, auch wenn ich sie keineswegs beherrsche und noch Erfahrungen sammeln muss. Es ist ja ganz nett, wenn man der "Freund" von Christian Levrat ist und dies auf allen Facebook-Pinwänden der Schweiz online angezeigt ist: "Anton ist jetzt der Freund von Christian Levrat". Manchmal wünschte ich mir, für Politiker gäbe es noch die Kategorie "Feind", dann könnte ich mich doch auch zu Toni Brunner und Christoph Blocher in die Gruppe stellen, denn wenn ich nur mit Freunden kommunizieren kann, wird es eigentlich etwas langweilig. Alle Freunde denken gleich wie ich..... und wenn einer nicht gleich denkt, dann klinke ich ihn einfach aus meinem Freundeskreis heraus! Eigentlich ist Facebook eine anti-demokratische Anwendung, denn am liebsten streite ich mit Leuten, die nicht gleich denken wie ich.

Wenn Sie zu meinen "Freunden" gehören wollen, melden Sie sich doch über facebook und suchen mich unter "Anton Genna", dann klicken Sie "als Freund hinzufügen", ich muss nur noch bestätigen - et voilà, wieder einen Freund oder noch besser eine Freundin gewonnen!

A propos Freundin: da kann man sich Herzli schenken, virtuelle Geburtstagsgeschenke machen...... und abtauchen in eine Traumwelt der Illusionen. Ja, Facebook hilft uns, "to be free". Nur holt einem die Sklaverei ein, sobald man den Compi abstellt. Es lebe die Facebook-Traumwelt, deren Sklave wir geworden sind.

24.1.2010/GEA

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