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Hildegard von Bingen zwischen Vision und Resignation
Film von Margarethe von Trotta
Sicher: Der Film "Vision - aus dem Leben der Hildegard von Bingen" ist ästhetisch wundervoll gemacht, in einem dem Thema angemessenen Schrittempo, mit wunderschönen Aufnahmen und Einstellungen. Margaretha von Trotta versteht etwas vom Handwerk, und sie lässt sich auch diesmal nicht lumpen. Trotzdem: Dieser Film gehört wahrscheinlich nicht in die Kategorie "muss man gesehen haben", sondern nur unter "sehenswerte, aber vergänliche Schönheit". Ein Film für ein erlesenes und geduldiges Publikum!
Dabei ist doch das Leben der Hildegard von Bingen (im Film mal kränkelnd, dann wieder trotzig-selbstsicher) glaubwürdig verkörpert von Barbara Sukova) faszinierend. Gerade in der heutigen Zeit der religösen Ignoranz ist ihre Botschaft auch zeitgemäss. Eine Frau - man stelle sich vor: eine Frau und kein Mann! - revolutioniert um die erste Jahrtausendwende das Klosterleben. Sie steht hin und sagt: "Hier steh ich und kann nicht anders", so wie 500 Jahre später ein anderer Reformer hingestanden ist. Sie erzählt von ihren Visionen und Einsichten von Gott, obwohl ihr dies nicht nur das Amt, sondern das Leben kosten könnte. Sie steht dafür ein, dass Körper und Seele eins sind, dass Heilung des Körpers nur über die Heilung der Seele möglich ist. Und dass Gott für uns Menschen eine Botschaft im Licht, nicht in der Finsternis hat. Ist Hildegard von Bingen eine Hexe oder gar vom Teufel beseelt, oder zumindest eine Scharlatanin? Erst der Richterspruch von höchster kirchlicher Stelle befreit sie von diesem Verdacht, und es bedarf der Fürsprache des anerkannten männlichen Ordens-Reformators jener Zeit, um ihr den Segen des Papstes zu sichern, sie vor dessen Fluch zu bewahren.
Was Bernard von Clairvaux als Gründer des Zisterzienserordens für die männliche Klosterkultur, das ist eigentlich Hildegard von Bingen für die weibliche Seite des Klosterlebens. Das kommt im Film nur ungenügend zum Ausdruck, bleibt oft in Ansätzen und in ästhetischen Bildern stecken. Dass Hildegard eine Universalgelehrte war, viel mehr als nur eine "fromme Frau", bleibt zu sehr im Schatten romanischer Klostermauern, wird allenfalls da und dort angedeutet, aber nie weiter ausgeführt. Stark ist immerhin die Szene, als Hildegard darauf verzichtet, obrigkeitlich vom männlichen Abt des Benediktinerklosters einfach in ihr Amt eingesetzt zu werden, sondern darauf beharrt, von ihren Ordensschwestern gewählt zu werden. Sie hat keine Angst vor der Demokratie! Hildegard wird natürlich mit grossem Mehr gewählt - mit der einzigen Gegenstimme ihrer Jugendfreundin, die ihr - von Neid getrieben - die Stimme verweigerte. Neid ist die grösste Geissel der Menschheit, nur die Liebe macht glücklich. Das ist leicht gesagt, wenn man selber zu den Geliebten gehört, doch wenn man sich (zu Recht oder zu Unrecht) zurückgesetzt und benachteiligt fühlt, dann sieht es anders aus, dies die Entgegnung ihrer seelisch verletzten Ordensschwester.
Uebrigens: Offenbar lässt sich nachweisen, dass demokratisch gewählte Aebte besser wirtschaften als solche, die mit Schummeleien oder aufgrund ihres Speichelleckertums an die klösterliche Macht gekommen sind (Emil Inauen und Bruno S.Frey in der NZZ vom 31.12.2009: "Klöster als Pioniere der Corporate Govenance. Mitsprache und Vertrauen statt strikte Regulierung und externe Anreize"). Das Volk ist vielleicht doch nicht ganz so blöd, wie manche Zeitgenossen und -genossinnen meinen, welche die Volksrechte am liebsten einschränken möchten, wenn sie eine Abstimmung verloren haben. Demokratie als ökonomischer Erfolgsfaktor - im Mittelalter und in der Gegenwart.
Hildegard ist zwar eine Heilige, aber sie ist eben doch keine vollkommene Heilige. Dies zeigt sich etwa, wenn sie ihre Lieblingsschülerin Richardis nicht ziehen lassen will, wenn die Liebe selbstsüchtig und ichbezogen wird. Der Wunsch der Schülerin - übrigens wunderbar verkörpert von Hannah Herzsprung, der Hauptdarstellerin von "Lila Lila" - selber ein Kloster zu gründen und zu leiten, wird als Kränkung interpretiert und Hildegard zeigt die gleichen Ablösungsprobleme wie "natürliche" Mütter. Dass ihre Schülerin und Verehrerin an diesem inneren Widerspruch zugrunde geht, dafür wird Hildegard einzig von Aebtissin Tengwich zurecht gewiesen (gespielt von der Schweizer Schauspielerin Annemarie Düringer, einer der alten Damen im Film "Die Herbstzeitlosen"). Dabei war es Hildegard selber, die sich von der männlich dominierten Klostergemeinschaft auf dem Disibodenberg abgelöst hat und ihr eigenes Kloster am Rhein gründete, und dabei eine "güterrechtliche Auseinandersetzung" heraufbeschwor, die von männlicher Seite bis aufs Blut geführt wurde. Denn damals wie heute gilt: Wenn die Geldquellen versiegen, hören der Spass und auch die Ideale des kirchlich-klösterliche Lebens auf.
Der Film der Margarethe von Trotta kommt langsam daher, wohltuend langsam. Wer dies mag, sollte sich den Film ansehen. Wer lieber Action hat, dem empfiehlt sich Avatar. Darauf aber verzichte ich gerne.
2. Januar 2010/GEA
Cine Cinemastar am Bollwerk, Bern