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Happy End ohne Teufel
Es ist eine spannende Geschichte, die Martin Suter hier erzählt. So spannend, dass ich alle Arbeit an diesem Sonntag weglege und nur noch lese, bis zur letzten Seite, wenn das Rätsel gelöst ist. Der "Teufel von Mailand" erweist sich als Lesevergnügen, als Unterhaltungsroman mit Niveau, gut gemacht..... aber halt doch ziemlich banal.
Sonja Frey sucht eine neue Identität, sucht die Frey-heit nach einer Zeit der Ehe mit einem Banker im goldenen Käfig. Sie verlässt ihre Wohnung fluchtartig und lässt sich von der bildschönen Hotelbesitzerin Barabara Peters als Physiotherapeutin in ihrem Hotel im Engadin anstellen. Der Kasten aus der Belle Epoque wurde neu renoviert, wie Barbara diese Luxusinvestition finanzieren konnte, ist unbekannt und gibt zu allerhand Spekulationen im Dorf Anlass. Im Bergdorf beäugt man das neu zum Leben erweckte Hotel "Gamander" mit Argwohn, von der Lädeli-Frau bis zum Bergbauern, vom "Steinbock"-Wirt bis zum Milchwagen-Chauffeur herrscht offene oder hinter einer vordergründig freundlichen Fassade versteckte Feindschaft und Abneigung.
Sonja hat lange nicht mehr auf ihrem Beruf gearbeitet, denn sie war wie gesagt mit einem Banker verheiratet. Und wie man es bei Suter erwartet: "Banker" ist Synonym für "Bösewicht". Wen wundert es also da, dass Sonjas Ehemann im richtigen Gefängnis einsitzt, weil ihm ein Mordversuch zum Nachteil seiner sich befreienden Ehefrau angelastet wird. Sonja weigert sich, zuhanden der Behörden einen Persilschein zu unterschreiben und ihren Mann zu entlasten, selbst als dessen Maman im "Galander" aufkreuzt und ihre Schwiegertochter mit intimen Einzelheiten aus dem Eheleben unter Druck setzt. Sonja ist beseelt vom Wunsch, endlich frei zu sein, keine Rücksicht nehmen zu müssen, ihr eigenes Leben leben zu können.
Doch im Hotel geschehen seltsame Dinge, ja das Gamander entwickelt sich zum eigentlichen Geisterhotel. In der Bibliothek findet Sonja ein Buch mit Sagen aus der Gegend. Aufgeschlagen ist die Sage vom "Teufel von Mailand": In einem kalten Sommer seufzt das verzweifelte Mädchen Ursina, nahe am Hungertod: "wenn mir die Engel nicht helfen wollen, so sollen mir die Teufel helfen". Augenblicklich wandelt sich der Wettercharakter und in der Alphütte sagt eine Stimme "Der Teufel von Mailand hilft besser als der Heiland". Ursina hat diese Episode schon vergessen, als sie zu einer wunderschönen Maid herangewachsen ist. Da erscheint ein Herr in der Kutsche und verspricht ihr noch mehr Schönheit und Ansehen. Es ist der Teufel von Mailand, der selbstverständlich verlangt, dass ihm Ursina ihre Seele vermacht, was denn sonst. Und ebenso selbstverständlich lehnt die fromme Ursina dies zuerst ab. Doch der Teufel nennt Rahmenbedingungen, die verlockend klingen: Die Seele gehört erst dem Teufel, "wenn es Herbst wird im Sommer, wenn es Nacht wird am Tag..... "und so geht es fort mit absolut unrealistsichen Szenen, die nie eintreten werden. Kein Risiko also, sich dem Teufel zu verschreiben, denkt Ursina. Wie die Sage endet, erfährt Sonja nicht, denn die Seiten sind aus dem Buch herausgerissen.
Im Hotel Gamander geschehen seltsame Dinge, bis Sonja bewusst wird: Jemand spielt die Sage vom "Teufel von Mailand" nach..... oder gibt es den Teufel gar in Wirklichkeit? Wer ist der Uebeltäter, und was führt er im Schilde? Und wem gilt die Drohkulisse, etwa der schönen Hotelbesitzerin Barbara Peters, von der man nicht recht weiss, woher sie das Geld zum Führen dieses defiitären Betriebs hat? Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Wie es weiter geht, müssen Sie schon selber lesen. Und ich verspreche: Es ist vergnüglich und spannend, ganz recht für einen nebligen Wintertag in der warmen Stube. Zünden Sie das Cheminée an, damit es Sie nicht fröstelt, wenn der Teufel wieder aktiv ist.
Verraten sei nur so viel: Es kommt zu einem Happy End, wenn man das bei drei Toten, darunter einem Wellensittich, sagen kann. Aber Kollateralschäden sind eben in Kriminalromanen und -filmen nicht zu vermeiden, sonst ist es kein Kriminalroman, sondern..... Ob Suter sich davor gescheut hat, die Uebungsanlage des Romans, die das Zeug zur klassischen Tragödie hätte, zu Ende zu führen? Vielleicht hätte sich der Roman dann nicht mehr so gut verkauft, oder Suter hätte keinen Verlag gefunden, der ein Werk mit realistischem Ausgang publizieren wollte. Wir wissen es nicht. Und ich persönlich freue mich, dass das Gute wieder einmal über das Böse gesiegt hat, bwz. dass sich das Böse selber besiegt nach dem Motto: "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein". Sei er Banker oder sonstwas. Ist doch tröstlich, dass es wenigstens im Roman so ausgeht.
10.1.2010/GEA
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