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Kultur > Ausstellung, Museum
Ein nicht nur lokaler Beitrag zur bernischen Kirchengeschichte
Dass der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn in corpore eine Ausstellung besucht, ist aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich ist tatsächlich die Ausstellung im Schloss Münsingen aus Anlass der 300-jährigen Jubiliäums der heutigen Kirche Münsingen, welche der Synodalrat am 8.1.2010 besucht hat. Den Ausstellungsgestaltern mit dem Initianten Dr. Hans Maurer, dem früheren Dorfarzt von Münsingen, ist es gelungen, den Bogen zur bernischen Kirchengeschichte so zu schlagen, dass diese Ausstellung einen Besuch weit über Münsingen hinaus lohnenswert oder geradezu zur Pflicht macht.
Bild: Gemeinde Münsingen
Wussten Sie zum Beispiel, dass zur Kirchgemeinde Münsingen die wunderbare Kirche Kleinhöchstetten, hoch über der Autobahn A 6, gehört? Es handelt sich um eine der ältesten Kirchen der Schweiz überhaupt, erbaut im 8. Jahrhundert, also in der karolingischen Zeit und lange vor den 1000-jährigen Kirchen am linken Ufer des Thunersees, die angeblich von Königin Bertha von Burgund gestiftet wurden. Das "Kaff" Kleinhünigen war mit seiner Marienkirche ein bedeutsamer Wallfahrtsort, an einer Furt über die Aare gelegen.
In diesem kleinen Kirchleinn Kleinhöchstetten das in romanischer Zeit erweitert wurde, wurde auch die Grundlage für die Berner Reformation gelegt: der deutsche Pfarrer Jörg Brunner predigte von 1522 bis 1525 auf der Grundlage der Lehre von Martin Luther, bis er von der Berner Obrigkeit weggeschickt wurde. Bereits 1526 wurde er zurück gerufen, doch Brunner kam nicht mehr nach Bern. Im Januar 1528 fand schliesslich die Berner Disputation statt, an welcher Zwingli eine viel beachtete Predigt hielt und welche den Start für die Reformation im Staat Bern bildet.
Nach der Reformation wurde Kleinhöchstetten als Wallfahrtsort entbehrlich- und an einen Landwirt verkauft, der die Kirche als Scheune nutzte. Unwillkürlich tauchen in mir die Bilder aus dem Film "Genosse Don Camillo" auf, in welchem ein russisch-orthodoxer Pope in einer zur Scheune umfunktionierten Kirche seine ganz privaten Andachten hält. Don Camillo weist ihn zurecht und schilt ihn einen Feigling, weil er es nicht wagt, zu seinem Glauben zu stehen. Manchmal wünschte ich mir, Don Camillo würde auch bei uns zum Rechten sehen.....
In der Mitte des 20. Jahrhunderts wollte man die baufällige Kirche, bzw. Scheune, dann abbrechen. Eine Schulklasse, welche die Kirche mit ihrem Lehrer besucht hatte, schrieb dem damaligen Präsidenten des Berner Heimatschutzes, dem Berner Gemeinderat und späteren Staatsanwalt und Oberrichter Arist Rollier. Diesem gelang es, die Kirche zu retten. Kleinhöchstetten wurde restauriert und dient heute als Dorfkirche von Rubigen. Uebrigens: Arist Rollier, den ich persönlich gekannt habe, würde es verdienen, als einer der ganz grossen Männer dieses Kantons gewürdigt zu werden! Er war es übrigens auch, welcher als Präsident dess Schweizer Heimatschutzes dem Städtchen Wiedlisbach den Wakkerpreis überreichen durfte, ein denkwürdiger Anlass zu einer Zeit, also solche Preise noch nicht inflationär verteilt wurden! Rollier wurde zum Buhmann der 68-Bewegung, weil er als Staatsanwalt ein unerbittlicher Kämpfer gegen Terroristen war und die Verteidigungsrechte von Terroristenanwälten im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Gabrele Köcher und Christian Möller (zwei Mitgliedern der RAF, welche in der Schweiz einen Mord begangen hatten) einschränken wollte. Die Geschichte hat Rollier Recht gegeben, und er war ein glänzender Jurist und Oberrichter. Man erzählt sich übrigens, dass er jeden Sonntag im Berner Münster den Gottesdienst besucht habe: immer sei er erst mit dem Verläuten in die Kirche eingetreten und habe sich in die vorderste Bank gesetzt. Se non è vero è ben trovato, so habe ich ihn auch kennen gelernt, als einen selbstbewussten Menschen, der den Menschen sehr zugetan war und dem die Heimat ein Herzensanliegen war.
Zurück zur Ausstellung im Schloss Münsingen: Im Mittelalter bildete die Aare die Grenze zwischen den Bistümern Konstanz und Lausanne. Das Gebiet rechts der Aare gehörte zum Bistum Konstanz, und das Dekanat Münsingen war zuständig für alle Kirchen von Meiringen bis zum Bielersee. Münsingen ist also historisch weit mehr als ein Häuserhaufen, wie sich diese Gemeinde leider heute darstellt, und auch mehr als Sitz des Psychiatriezentrums, als welches dieser Ort weit herum wahrgenommen wird.
Nach der Reformation folgte die Zeit der Staatskirche, die vom bernischen Patriziertum beherrscht und regiert wurde. Erst mit der liberalen Verfassung von 1831 wurden demokratische Kirchenstrukturen eingerichtet, auch hier bildete Münsingen eine Vorhut, welche für das Land mehr Rechte einforderte.
Erfreulich ist, dass die Ausstellung versucht, Querbezüge auch zu anderen Kirchen aufzuzeigen, wo die Kenntnis über die Vorgänge in Münsingen selbst rudimentär sind. So weiss man, dass es in Münsingen ein Beinhaus gab. Beinhäuser dienten der Verehrung der Verstorbenen, wurden deshalb in der Reformation verboten. Weil das Beinhaus von Münsingen nicht mehr vorhanden ist, wird anhand des kürzlcih restaurierten Beinhauses in Zweisimmen aufgezeigt, wie es ausgesehen haben könnte. Solche Querbezüge finden sich vor allem im Untergeschoss der Ausstellung, in welcher die Baugeschichte der Kirche Münsingen nachgezeichnet wird, zahlreich.
So gerät die Ausstellung, die naturgemäss zu grossen Teilen eine "Leseausstellung" ist, zum lebendigen Geschichtsunterricht für alle, die sich nicht nur für Lokalgeschichte, sondern für bernische Kirchengeschichte interessieren. Und sie animiert dazu, nicht nur die Dorfkirche Münsingen, sondern auch das Kirchlein Kleinhöchstetten (in der Nähe von Rubigen) zu besuchen.
Eher lokalen Charakter hat dann die Darstellung der Abtrennung der heutigen Kirchgemeinde Konolfingen von Münsingen - und doch: diese historischen Verknüpfungen zu kennen, wäre eigentlich sehr wichtig, wenn man an eine Gebietsreform der Kirchgemeinden herangeht. Es zeigt nämlich, dass die heutigen Gemeindegrenzen keineswegs gottgegeben und sakrosankt sind, sondern dass sie sich im Laufe der Geschichte auch gewandelt und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst haben.
Die Ausstellung im Schloss Münsingen ist noch bis 14. März 2010 geöffnet. Sie kann am Sonntag von 14 bis 17 Uhr und am Freitag von 18 bis 20 Uhr besucht werden. Nähere Infos hier.
8.1.2010/GEA