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Patriotisch - patriarchale Biographien von Alex Capus
Geschenkte Bücher machen nicht immer Freude. Hiermit erkläre ich unwiderruflich, dass mich Bildbände über die Bären von Alaska, die gesammelten philosophischen Werke von Martin Heidegger und ein Erlebnisbericht über eine Reise ins Reich der Inkas vor 500 Jahren schlicht nicht interessieren - eine Bitte an alle Göttis, Gotten, Gross- und Urgrossmütter: Schenkt mir diese Bücher nicht mehr, ich habe ihrer genug! Ausser ihr stört euch nicht daran, dass sie kurzerhand als "ungeöffnet, in Originalverpackung" via Ricardo in den Second Hand Buchhandel gelangen. Noch schlimmer ist es mit Belletristikbüchern von angeblichen Erfolgsautoren, deren Satz-, Wort- und Buchstabenpurzelbäume kein Mensch versteht, ausser der Autor selbst, wenn überhaupt. Aber alle finden diese Werke einmalig, tiefgründig, einfach explosiv oder noch besser: impulsiv-implosiv wie der Urknall. Niemand wagt den Literaturkritikern, die solchen olympischen Megaquatsch verkünden, zu widersprechen, denn wer will sich schon blamieren und zugeben, dass er oder sie nichts von moderner Literatur versteht.
Zu Weihnachten 2010 wurde mir ein Büchlein geschenkt mit dem etwas verdächtigen Titel "Patriarchen". Darf man so etwas in der heutigen Zeit noch lesen, verstösst das nicht gegen den Gender-Dress-Code? Da das Geschenk von einer Dame stammt, die diesbezüglich unverdächtig ist, habe ich einen Blick hinein gewagt. Und den Blick nicht mehr losgelassen, sondern begierig weiter gelesen. Hinter dem Titel verbirgt sich ein "Heimat"-Buch, also eigentlich ein Buch für und von Patrioten. Es ist faszinierend geschrieben, und es öffnet spielerisch, aber keineswegs obeflächlich das Fenster zur erfolgreichen Industriegeschichte der Schweiz.
Endlich weiss ich, warum ich Schokolade über alles liebe - in der heutigen Form wurde sie nicht etwa in Zürich, nicht in Genf oder Basel erfunden, sondern in der Matte zu Bern. Eigentlich ist sie keine Erfindung, sondern das Ergebnis eines Produktionsfehlers.... aber lesen Sie selbst in Alex Capus 10 Patriarchen-Porträts. Ich will ja nicht jede Pointe vorweg nehmen. Bezeichnend ist dann aber, wie schon damals die Berner mit ihrem Genius nichts Gescheites anzufangen wussten: sie waren zwar die Gescheitesten und machten die beste Schokolade der Welt, aber sie verscherbelten das Glück nach Zürich. Rodolphe Lindt fils, der Erfinder oder besser gesagt der Entdecker der Schokolade, verkaufte seine Fabrik samt Fabrikationsgeheimnissen nach Zürich an den schlauen Herrn Sprüngli. In Kilchberg ZH wird die beste Schoggi der Schweiz noch heute hergesetellt, nach einem Rezept aus der Berner Matte, unverständlich so etwas. Als Lindt seinen Fehler bemerkte, wurde er sich reuig und baute einfach eine Konkurrenzfabrik, aber das war nun schon beinahe wirtschaftskriminell und wurde vom Bundesgericht schnrustracks verboten. Sic transit gloria schoggi.
Aehnlich leichtfüssig und beinahe süss lesen sich die anderen Lebensgeschichten. Etwa jene des Suppenfabrikanten Julius Maggi. Sprechen Sie ruhig "Matschi", denn unsere schweizerische Maggi-Würze wurde von einem italienischen Secondo erfunden. Sein Vater ist in die Schweiz eingewandert und heiratete die Mutter unseres Julius nur vier Monate vor der Geburt des ersten Kindes - ein anatomisches Wunder also, entweder war die Heirat etwas verspätet oder die Geburt etwas gar früh. Lassen wir das sein, denn Papa Maggi hatte immerhin Geld, ob er dies von seiner geliebten Schweizer Ehefrau geliehen erhielt oder ob er doch bereits in Pavia ein angesehener Mann war, wissen wir nicht so recht. Capus lässt denn auch offen, ob Maggi nun Medizinstudent in Pavia oder Bergarbeiter in Graubünden war, bevor er die reiche Schweizerin ehelichte. Und gerade dieses Offen-Lassen von Unbekanntem zeichnet diese patriarchalen Biographien aus, die leichtflüssig und verspielt daher sprudeln und sich auch mal einen ironischen Unterton erlauben.
Beeindruckend sodann, dass sich Carl Franz Bally, der Schuhfabrikant, mit dem katholischen Ortsklerus überwarf, weil er seine Arbeiter auch an christlichen Festtagen arbeiten liess. Schon damals war den Abzockern nichts heilig, schon gar nicht unproduktive Tage, an welchen sich die schlecht bezahlte Arbeiterschaft erholen wollte. Und doch ist ein gerechtes Urteil eben nicht so einfach: Während Bally Gewerkschaften ausschloss, bzw. Arbeiter, die sich gewerkschaftlich organisierten, zum Teufel jagte und auch dafür sorge, dass sie in der Gegend keine Arbeit mehr erhielten, gab er sich patriarchalisch als besorgter Patron, der eine Krankenkasse gründete und eine Altersvorsorge betrieb, als dies noch längst nicht üblich war. Er führte den 9-Stunden-Tag ein, und er baute seinen Arbeitern Wohnungen und Siedlungen mit eigenem Gärtli . Ob er ihnen in der Kantine auch Maggi-Suppe fütterte, wissen wir nicht und geht aus dem Buch nicht hervor. Nur eines duldete der gestrenge Schuhmacher nicht: Die Blaumacherei an christlichen Feiertagen. Flugs gründete er in Schönenwerd eine christkatholische Kirche, welche weniger Feiertage kennt als ihre römische Schwesterkirche.
Das Buch zu lesen, ist ein Genuss. Danke der grosszügigen Schenkerin! Ich ändere meine Meinung über geschenkte Bücher und bitte Sie, mich ab sofort mit solchen zu überhäufen! Denn die Patriarchen hätte ich sicher nicht entedeckt, wenn man mir nicht auf die Sprüngli geholfen hätte. Und wer weiss: Vielleicht gibt es ja später auch noch ein Buch über Matriarchinnen..... , damit das Gender-Gleichgewicht wieder hergestellt ist.
2. Januar 2010/GEA
Nachtrag:
Das Buch endet mit einer Ekel erregenden Biographie eines Kriegsgewinnlers und Waffenfabrikanten, an dessen Händen viel Blut eines Weltkriegs klebt und der sich auch später keinen Deut um Schweizerische Gesetze kümmerte, wenn es ums grosse Geschäft mit dem Tod ging. Denn "Neger", die in Biafra mit seinen Kanonen getötet wurden entegen den klaren Ausfuhrbestimmungen, waren in seinen Augen ja Untermenschen. Wie Hitler Mozarts Musik liebte, liebte dieser aus Deutschland eingewanderter kleine Bauer europäische Malerei: Mit den auf den Gräbern von Millionen Menschen verdienten Fränkli schaffte er sich eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Schweiz an. Tröstlich zu hören, dass ihm die Zürcher, die doch sonst so sehr dem Glanz des Goldes verfallen sind, den Zugang zum wahren Zürcher Adel, nämlich zu den traditionellen Zünften, zeitlebens verwehrt haben.
Da lobe ich mir den einzigen Thuner, der im Buch beschrieben ist: Er hat nicht Waffen, sondern Käse hergestellt. Gerberkäse ist ein Qualitätsbegriff, und dass dessen Erfinder Walter Gerber aus dem Emmental zugezogen sein soll, ja was solls, das ist ja nur wenige Kilometer von hier entfernt! Schon wollte ich mir an die Brust klopfen und sagen: "Wir Thuner sind halt Siebesieche!". Und dann das: "Gerberkäse hatte ihn reich gemacht, aber seine Lungen waren angegriffen, und er litt unter dem rauen Thuner Bergklima... leistete er sich mit Ehefrau Leonore in den letzten fünzehn Jahren seines Lebens den grossbürgerlichen Taum jener Zeit - er verbrachte die Sommermonate jeweils im mondänen Luzenr und den Winter an der Côte d'Azur...". Pfui, pfui, pfui. Da ist es kein Wunder, dass Gerberkäse nun aus Thun verschwunden und nach Langnau gezügelt wurde - von den Emmi-Milchbaronen aus Luzern! Schade, das wäre so ein schönes Happy End gewesen.
3. Januar 2010/GEA
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