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Nora Fux, Wichtrach

Kultur > Ausstellung, Museum

Von an-sprechenden und heraus-fordernden Bildern

Ich bin kein Vernissagen-Tourist, der jede Woche irgendwo eine Kunstausstellung eröffnet. Ich behaupte: Die meisten besuchen solche Anlässe sowieso nur wegen des anschliessenden Aperos, verdienen sich jedoch die Einladung dadurch, dass sie mit dem Champagnerglas in der Hand und nach reichlichem Alkoholgenuss ihren Kunst-Sachverstand mit mehr wort- als geistreichen Höhenflügen unter Beweis stellen. Da werden Bilder auf eine Meta-Ebene angehoben, die kein vernünftiger Mensch bei sich zuhause aufhängen würde, weil sie nicht über das Niveau eines Zweitklässers hinaus kommen, aber eben vorgeben, einer künstlerischen Inspiration zu folgen. Und da wird der Künstler umso höher zum "neuen Messias der Malerei" herauf stilisiert, je weniger seine Bilder an-sprechen und an-klingen. Oder steigt der Beifall dieser "Szenen-Insider" wohl proportional zur Menge der verwendeten Farbe - nicht auf den Bildern, sondern im Gesicht der hochgelobten Künstlerin oder allenfalls der reizvollen Freundin des männlichen Künstlers?


oben: Blick in unser Wohnzimmer mit dem neu dort aufgehängten Bild von Nora Fux: "Altstadt"

Wie gesagt: Mit diesen Kunst-Suffragetten kann ich nicht mithalten, deshalb bin ich selten an Vernissagen anzutreffen. Dafür besuche ich Ausstellungen dann, wenn ich Zeit und Musse habe, mich den Bildern und nicht den Ausstellungsbesuchenden und deren Garderobe zu widmen. Bilder und Kunstwerke sollen auch ohne Kommentar an-sprechen, sie dürfen durchaus auch heraus-fordernd (provokativ) sein, zum nach-denken und nach-empfinden anregen. So werden sie vom Vorzeige-Bild zum Vor-Bild.

Ende Febraur 2010 ging im Restaurant Bahnhöfli Wichtrach eine Ausstellung zu Ende, die es verdient hätte, in einem der grossen Kunsthäuser der Schweiz gezeigt zu werden. Nicht, dass ich etwas gegen dieses nette Restaurant habe, im Gegenteil, und ich finde es auch gut, wenn Menschen mit Kunst in Kontakt kommen, die vielleicht nie ein Museum besuchen würden. Doch weil ein Restaurant primär den Zweck verfolgt, seine Gäste mit fester und flüssiger Nahrung zu versorgen, müssen beim Aufhängen der Bilder zwangsweise Kompromisse eingegangen werden. Und es mag sein, dass der eine oder andere Gast gar nicht merkt, dass er unter einem Kunstwerk Platz genommen hat; ebensogut könnte dort ein Plakat des örtlichen Hockeyclubs hängen.

Die Ausstellung, die wir an der Finissage am 27. Februar 2010 besucht haben, zeigte die Bilder von Nora Fux, einer in Wichtrach wohnenden Künstlerin. Sie tritt bescheiden, fast etwas verlegen und unscheinbar auf, als ob nicht sie der Mittelpunkt wäre. Sie ist ohne jegliche Starallüren einfach da und erzählt von ihren Ideen, ihren Gefühlen und Empfindungen - und auch über die Begrenztheit ihrer Kräfte. Keine verbalen Luftsprünge, keine kiloweise Schminke, keine ultimative Kleidung - Nora Fux lässt einfach die Bilder sprechen. Und wie! Die Vielseitigkeit überrascht: Nora Fux probiert unterschiedliche Techniken aus, lässt sich von Farben und Formen inspirieren, malt mal gegenständlich, mal konzentriert sie sich völlig auf die Bewegung und Farbgebung. Kein Wunder, dass diese Frau im Jahr 2008 in Berlin grosse Erfolge gefeiert hat. Der kleine Kunstband, der damals mit grosser Sorgfalt angefertigt wurde, gibt einen Ueberblick über ihr Werk - ein Buch, das sehr zu empfehlen ist. Als ich die Bilder im Buch sah, war ich sofort begeistert und wünschte mir, die Originale sehen zu können. Dies war dann einmal im Atelier der Künstlerin der Fall - und nun eben im Restaurant Bahnhöfli in Wichtrach.

Wie gesagt, Ende Februar ging die vorläufig letzte Ausstellung zu Ende, aus persönlichen Gründen wird die Künstlerin in den nächsten Monaten keine weiteren Ausstellungen mehr vorbereiten - die Kräfte fehlen, sowohl künstlerisch tätig zu sein wie auch gleichzeitig die organisatorischen und technischen Strapazen auf sich zu nehmen. Am liebsten hätte ich ganz viele Bilder gekauft, doch einerseits fehlen mir genügend Wände im Wohnzimmer, und auch der Budgetposten "Ankauf von Kunstwerken" lässt keine allzu grossen Sprünge zu. Umso mehr freut es mich, dass wir ein wunderschön gestimmtes und stimmiges Bild "Altstadt" erwerben durften. Dieses Bild und auch der Kunstband, der bei uns einen Ehrenplatz hat, sind nicht nur zum "an-schauen" da, sondern sie werden uns auch immer wieder an-sprechen.

8.3.2010/GEA

Oben: Nora Fux, "Altstadt", 2008, Acryl

Unten:
Das Buch "Nora Fux, Berlin '08"enthält Texte von Antono E.Fux, Wichtrach. Die Bilder wurden fotografiert von Ueli Schaad, Attiswil. Das Buch ist erschienen im Rotten-Verlag, Visp. Folgen Sie dem Link, um das Buch beim Verlag zu bestellen.

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