Neue Website Familie Genna Thun


Direkt zum Seiteninhalt

Metropolis

Kultur > Fernsehen

Stummfilm mit wuchtiger Aussage

Eher zufällig bin ich am Freitagabend, 12.2.2010, beim Zappen auf "arte" hängen geblieben. Da läuft ein Stummfilm, der anders ist als alles, was man von diesem Genre kennt. Ein Stummfilm, der packt und fasziniert, voll Wucht und Ausdruck in Mimik, Gestik, Bewegung der Schauspieler. Kraftvolle Massenszenen erinnern an moderne Hollywood-Filme, die viel aufwändiger gemacht sind. Meine Neugier ist angestachelt, und ich verbringe zwei Stunden vor dem Fernsehen, gebannt von Schwarz-Weiss-Bildern und Schwarz-Weiss-Inhalten.

Der Stummfilm "Metropolis" von Fritz Lang wurde 1927 gedreht. Während die von mir geliebten Chaplin-Filme meistens Einzelschicksale behandeln und sehr gefühlvoll auf einen Sympathieträger fokussieren, wird hier eine Version der "modern times" gezeigt, die viel stärker gesellschaftspolitisch "einfährt". Die Handlung ist geradelinig und unkompliziert, dafür auch ohne das heute übliche Geplapper und Gestöhne verständlich. Die Menschheit ist getrennt in die "da oben" und die "da unten". Während die Reichen ihre Feste feiern und sich dem Rausch ergeben, sind die Arbeiter im Elend. Von einer "Hexe" werden sie verführt, die ganze Maschinerie zu stoppen und zu zerstören. Doch die Revolution geht in die falsche Richtung. Mit der Zerstörung der Maschinen zerstören die Arbeiter auch ihre eigene Lebensgrundlage, es gibt scheinbar kein Entrinnen, die Welt der Arbeiterschaft ertrinkt in den Fluten. Der Schrecken, die Angst und Verzweiflung sind den Menschen ins Gesicht geschrieben, sie rennen um ihr Leben und werden dann durch Gittertüren und Mauern an der Flucht gehindert. Im allerletzten Moment naht die Rettung, zuerst für die Kinder, dann auch für die Erwachsenen. Dass als Retter ausgerechnet der Sohn des grossen Kapitalisten auftritt, welchem die Maschinerie gehört und welcher schliesslich auch den Befehl zum Ersäufen der Arbeiter gegeben hat, ist ein Rührstück, ohne das der Film wohl nie hätte gedreht und aufgeführt werden können. Und dass es zu guter Letzt zum Friedensgruss zwischen dem Kapitalisten und dem Vertreter der Arbeiterschaft kommt: "Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein", lässt kein Auge trocken, heul, jetzt ist alles gut..... Oder ist es doch nur ein Schein-Friede, eben eine Science Fiction? Oder ist der Film ein moralisierendes Rührstück statt eine gesellschaftliche Analyse der wahren Verhältnisse? Der Regisseur Fritz Lang jedenfalls distanzierte sich später von diesem harmonisierenden Schluss, vgl. wikipedia. Und es gibt auch Leute, die in diesem Film faschistoide Tendenzen erkennen, vgl. www.udo-leuschner.de. Effektiv ist das Verhältnis von Fritz Lang zum Nationalsozialismus zumindest zwiespältig, vgl. wikipedia.

Versetzen wir uns ins Jahr 1927 zurück. Neun Jahre zuvor ging der erste Weltkrieg zu Ende, in Russland kam es zur Revolution und zur Machtergreifung durch das Proletariat. In der Schweiz fand der grosse Generalstreik 1918 statt, welcher der Arbeiterschaft gewisse Rechte brachte, insgesamt aber das Klassen trennende gesellschaftlich-kapitalistische System unangetastet liess. In den 20-er-Jahren zeichnete sich dann nach einem Nachkriegshoch die Wirtschaftskrise ab, 1929 kam es zum grossen Zusammenbruch der Weltwirtschaft, im Gegensatz zur Krise von 2008 völlig ohne Abfederung durch staatliche Massnahmen. Bald darauf traten die deutsch-nationalen Horden immer brutaler in Erscheinung, und das Elend trieb die Massen in die Arme des Schlangenbeschwörers Hitler, der 1933 die Macht endgültig an sich riss. In Genf schoss die Schweizer Armee 1932 auf das eigene Volk, bzw. auf protestierende Arbeiter, es gab 13 Tote und 65 Verletzte. Dies war wohl der Super-GAU für ein Land, das sich sonst immer als Hort des Friedens darstellt, dessen Armee-Einsätze in den letzten 200 Jahren aber immer gegen das eigene Volk gerichtet waren, vgl. wikipedia.

Dass in diesem Umfeld ein Film wie "metropolis" überhaupt entstehen konnte, ist wirklich erstaunlich. Die Aufführung in Berlin an der Berlinale 2010 lebte aber auch von der musikalischen Begleitung durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel. Diese Begleitung wurde dem Film in jedem Moment gerecht. Die Wucht der Bilder wurde durch die Wucht der Original-Filmmusik von Gottfried Huppertz (1887 – 1937) verdoppelt. Meine Stereoanlage war gefordert, in jeder Sequenz entsprach die Musik der Szenerie - und bei den langen Massen-Fluchtszenen will das etwas heissen......

Alte Filme belässt man in der Regel besser im Archiv. Für "metropolis" trifft das nicht zu. Gut, dass man diese lange Fassung gefunden und aufgemotzt hat.

13.2.2010/GEA

Homepage | Familie | Musik | Kultur | Geschichten | Gedanken zur Zeit | Engagement | Sitemap


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü