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Landesmuseum Zürich

Kultur > Ausstellung, Museum

Mythen von Tell bis Heidi
Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich war noch nie im Landesmuseum Zürich. Das ist etwa so schrecklich, wie wenn ein Muslime bekennt, dass er noch nie eine Pilgerreise nach Mekka unternommen habe. Was also hat mich angetrieben, diesen Boykott des schweizerischsten aller Museen aufzugeben und die neue Ausstellung zur Schweizer Geschichte zu besuchen? Eine Polemik in der NZZ zwischen einem Zürcher Geschichtsprofessor und dem neuen Direktor des Landesmuseums. Dieser Streit wurde verbal mit dem Zweihänder ausgetragen, was für die NZZ schon etwas heisst. Als kritischer Geist masse ich mir kein Urteil an, ohne die Ausstellung gesehen zu haben, also nichts wie los von Thun nach Zürich. Zum Glück liegt das Landesmuseum unmittelbar neben dem Bahnhof, sodass uns die sibirische Kälte, die in Zürich herrscht, nichts anhaben kann. Irgendwie typisch für Zürich: In der Werbung warme Luft abgeben, aber wenns drauf an kommt kalt duschen. Ist das wohl ein schlechtes Omen für die Ausstellung?

Die Shwo beginnt mit einem Paukenschlag: Statt mit Wilhelm Tell und den drei Eidgenossen, wie wir das doch als Schweizer in einer Ausstellung über Schweizer Geschichte erwarten dürfen, blicken uns da lauter Ausländer entgegen. Oder sind es doch Schweizer? Südländisch aussehende Fussballer im Schweizertrikot, Industrielle, Philosophen, Dichter. Sie alle sind oder waren Schweizer mit Migrationshintergrund. Offenbar gilt halt auch für die Schweiz, was die Land- und Leute-Partei-Fritzen (eh ja, Sie wissen doch, wen ich meine, sonst lesen Sie meine Anmerkungenl zum Film "Die Herbstzeitlosen") nicht glauben wollen: Die Schweiz gab es, bevor es Schweizer gab. Und die Schweiz gibt es wohl nur solange, als wir es fertig bringen, all die Secondos und Tertios zu integrieren und für unser Land nützlich einzusetzen. Was wäre die Schweiz ohne die Tüchtigkeit der immigrierten Patriarchen: ohne Maggi-Suppen des eingewanderten Italieners Maggi; ohne die Babynahrung des Deutschen Heinrich Nestle, der sich schnurstracks integrierend und assimilierend in Henri Nestlé umbenannte; ohne die Kraftwerke und Elektroanlagen des Engländers Charles Brown und des Italien-Deutschen Walter Boveri? Nichts als ein keltischer Flecken mit Wildsäuen und Zaubertränken. Ein bisschen wenig, nicht wahr?

So also beginnt ausgerechnet eine Ausstellung über Schweizer Geschichte. Sie führt uns dann zurück ins Mittelalter mit Einblicken ins klösterliche Leben der Benediktinerinnen ( Hildegard von Bingen lässt grüssen!), in die Zeit der Reformation mit einer Darstellung der ganzen Ahnengalerie der Schweizer Reformatoren (wenn auch nicht an der Wand hängend, so doch einer nach dem anderen aus dem Touch-Bildschirm-Gerät hervor lugend), dann in die Zeit der Revolutionsjahre von 1798 und der Vermittlungsakte (Mediation) des klugen Kaisers Napoleon I. Dargestellt wird weiter die Gründungszeit und liberale Hochblüte der Eidgenossenschaft im 19.Jahrhundert.

Die Ausstellung kommt wohltuend sachlich daher, ohne grosse Belehrungen, aber mit vielen Episoden und Details, die vielleicht nicht immer in den Zusammenhang gestellt sind. Aber dazu eignet sich eine Schau über ein ganzes Jahrtausend Schweizer Geschichte wohl nicht, es muss notgedrungen bei Spots bleiben, die mal hier, mal dort etwas näher beleuchten. Wer sich für Zusammehänge interessiert, kommt nicht darum, sich vertiefend mit Geschichte auseinanderzusetzen, da allerdings wäre es nützlich, etwas mehr hingeführt zu werden, sei es mit einem Video oder zumindest mit Literaturhinweisen. Doch auch die Auswahl an Fakten ist immer wertend, wie jeder gute Journalist weiss. Es dürfte wohl kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung sein, die Geschichte der Immigration an vorderster Stelle abzubilden. Und es dürfte wohl kein Zufall sein, dass dem Kampf um die Einführung des Frauenstimmrechts mehr Platz eingeräumt wurde als der Gründung des Bundesstaats 1848. Braucht es da noch vieler Erklärungen, wenn die Tatsache erwähnt wird, neben der Schweiz hätten nur noch Liechtenstein und Portugal (damals eine katholische Salazar-Diktatur übelster Sorte!) den Frauen die demokratische Mitbestimmung und Gleichstellung verweigert. Da erübrigt sich jeder Kommentar, die Geschichte spricht für sich.

Dennoch räumt die Ausstellung nicht einfach mit Mythen (die Meinung, wir seien die beste Demokratie der Welt, ist wohl ein solcher Mythos) auf, sondern begnügt sich, sie darzustellen - und durchaus auch ihren Wert in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation anzuerkennen. So wird der Mythos von Wilhelm Tell zurückverfolgt bis ins 15.Jahrhundert, und Generationen von Kindern und Erwachsenen identifizieren sich mit dem Mythos "Heidi", den die Dichterin Johanna Spyri in die Welt gesetzt hat - zum Glück, würde ich meinen, der ich ein grosser Fan von Heidi (nicht Klumm!) bin.

Nach drei Stunden bin ich erschöpft - die Ausstellung aber noch nicht. Es fehlt noch die Wirtschaftsgeschichte der Industrialisierung bis heute. Und es fehlt die Sonderausstellung mit Pressefotos zur neueren Geschichte der Schweiz, die wir eigentlich anschauen wollten. Angesichts des sturmen Kopfs beschliesse ich, die Uebung abzubrechen. Zum Glück haben wir ja einen Museumspass, sonst könnte mich dieses Museum noch zu armen Tagen bringen; denn mit Sicherheit werden wir zurück kehren. Und es bleibt festzuhalten: Der warmen Luft des Museumsdirektors Andreas Spillmann in der NZZ folgte eine heisse Dusche im Museum. Ich glaube, der emeritierte Professor Roger Sablonier hätte als Wilhelm Tell den Apfel nicht getroffen.

3. Januar 2010/GEA
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