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Giulias Verschwinden

Kultur > Kino

Generationen-Film (Regie: Christoph Schaub, Drehbuch: Martin Suter)

Ich liebe Märchen. Nicht gewalttätige, sondern fein gesponnene, sanfte, träumerische Märchen. Deshalb komme ich beim Film "Giulias Verschwinden" nach dem Drehbuch von Martin Suter voll auf die Rechnung. Es ist ein seidiger Märchenfilm, ein süsser Traum, kein Albtraum. Ein Märchen ohne Hexen, Teufeln und sonstigen Ungeheuern, sondern ein Märchen, das Freude am Leben vermittelt.

Eigentlich könnte dieser Film von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn in Auftrag gegeben worden sein, denn diese Kirche beschäftigt sich zurzeit prioritär mit dem Thema "Generationen". Giulias Verschwinden ist nichts anderes als eine freundliche Darstellung der Generationen übergreifenden Thematik des Aelter-Werdens. Da ist das 15-jährige Mädchen, das für seinen "viel älteren" 18-jährigen Freund Schuhe stiehlt - und dazu die muslimische Freundin Fatima anstiftet. Da ist das homosexuelle Paar, bei welchem der "Bauch" des einen Partners zum beherrschenden Beziehungsthema wird. Da ist das "Opfer" des Schönheitschirurgen, das der ewigen Jugend nachrennt, sodass äusseres und inneres Alter nicht mehr übereinstimmen. Und da ist vor allem die Altersheimbewohnerin, die Chöre hasst, jedenfalls wenn sie ihr zum 80.Geburtstag ein Ständchen mit "Im schönsten Wiesengrunde..." darbringen wollen, und die dann eine Tortenschlacht mit ihren griesgrämigen Mitbewohnerinnen anzettelt. Immer steht das Thema des Alters im Mittelpunkt der Dialoge, oft nur angedeutet, mit kleinen Gesten, kleinen Kameraschwenkern etc.

Ja, und dann mitten drin: Giulia (mit stringenter Natürlichkeit gespielt von Corinna Harfouch). Die selbstbewusste Singlefrau, die ihren 50.Geburtstag nicht wahrhaben will und nicht zum vereinbarten Fest erscheint. Die im Kleiderladen die Erfahrung macht, dass "das Alter unsichtbar macht", wie ihr eine alte Mitreisende im Tram beigebracht hat. Denn im Kleiderladen kümmert sich kein Mensch um die 50-jährige, viel lieber scharwänzeln die Verkäuferinnen den jungen Gören, die masslos Kleider in die Kabine mitnehmen - und dann doch nicht bezahlen.... Giulias Selbstbewusstsein ist am Sinken, als sie beim Kauf einer Sonnebrille von einem älteren Herrn "im besten Alter" angesprochen wird. Aus dem kurzen Kaffeeschwatz wird dann ein philosophischer Abend in der Bar - verständlich, denn der ältere Herr (einmal mehr hervorragend gespielt von Bruno Ganz) erweist sich als interessanter und sich interessierender Gesprächspartner, der Giulia beibringt: nicht an die letzten 49 Jahre und nicht die künftigen Jahre zu denken, sondern im Hier und Jetzt zu leben. Der Film endet wie im Märchen......

Das ernste und heikle Thema wird in diesem Film mit Schalk und Humor, ohne zu verletzen umgesetzt. Das vorwiegend ältere Publikum über 50 Jahren amüsiert sich köstlich und bricht schon mal in schallendes Lachen aus. Man freut sich und eifert mit, wenn die Altersheimbewohnerin ihre Mitbewohnerinnen mit Tortenwürfen wie bei Dick und Doof in die Flucht treibt, denn hier zeigt eine 80-jährige mehr Energie als ihre Tochter, die sich stets "für die Mutter schämen" muss. Die Tochter, die der Mutter ein Hörbuch statt ein richtiges Buch zum Lesen gebracht hat, verlässt unverstanden das Geburtstagsfest ihrer Mutter.

Sehr schön auch die Szene, wenn die Eltern des muslimischen Mädchens den Eltern der Schweizer Diebin begegnen und kund tun: Unsere Tochter wird von Ihrer Tochter schlecht beeinflusst, wir verbieten ihr den Umgang mit Ihrer Tochter! Haben wir das nicht mit umgekehrtem Vorzeichen schon zum Ueberdruss gehört? Der Film von Martin Suter räumt mit allen Vorurteilen auf, nicht nur mit dem Vorurteil gegen das Aelterwerden. Ein amüsantes Kinovergnügen.

19.2.2010 / GEA (58 J und 5 Mte jung.... alt..... älterwerdend).
Kino Capitol Zürich

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