Neue Website Familie Genna Thun


Direkt zum Seiteninhalt

Eduard Aegerter, Querkopf und Aussenseiter

Kultur > Lesen

"Der Aegerter...."

Für Fremde mag es komisch anmuten, dass im Buch von Bettina Joder Stüdle und Franziska Streun der Mann, um den sich alles dreht, von verschiedenen Interviewpartnern einfach "
der Aegerter" genannt wird. Ist das nicht despektierlich? Nein, für uns Thuner ist klar: "Der Herr ist im Himmel....", also benennt man in der Umgangssprache die Menschen immer nur mit dem Geschlechtsnamen, oft verbunden mit dem nachfolgenden Vornamen ("das Referat hielt von Allmen Hansueli" oder "Zürcher Housi war in den 70-er-Jahren ein Super-Gemeinderat"). Wenn einer zu mir aufs Schloss musste, sagte er zu seiner Frau sicher nicht, "ich darf heute zu Herrn Genna", sondern "ich muss wieder mal zum Genna aufs Schloss"... und schon wusste die Gnädigste, wer und vielleicht auch was damit gemeint war. Wenn man nun vor den Namen noch einen bestimmten Artikel hinsetzt, dann ist klar: Es geht um ein Unikat, um ein Unikum. Und ein solches Unikat war "der Aegerter" sehr wohl, es gibt keinen zweiten solchen, deshalb darf man ihn sehr wohl "dr Aegerter" nennen. Keiner würde jemals sagen: "ich habe heute Aegerter Edi gesehen", sondern die Kurzform genügt: "der Aegerter stand vor seinen Häusern...". Jedes Kind weiss oder wusste in Thun, wer damit gemeint ist.

Ein wunderbares Buch über diesen Aegerter haben die zwei Frauen Bettina Joder Stüdle und Franziska Streun geschrieben, einfühlsam, respektvoll, differenziert. Sicher: De mortuis nil nisi bene - über Tote soll man nichts Nachteiliges sagen. Die Bewunderung für einen originellen Menschen drückt auch diesem Buch den Stempel auf, Bettina Joder Stüdle steht auch offen dazu. Dies ist in vielen anderen Biographien durchaus auch so, oft über Menschen, die nun weiss Gott keine Lämmer waren. Lesen Sie mal eine Biographie über August den Starken, der Sachsen in der Barockzeit mit eiserner Faust regiert hat und der förmlich über Leichen ging. Da liest man alles Mögliche an Positivem, ja gar dass er hundert Kinder gezeugt haben soll oder so........ und in einer Randnotiz ist gar davon die Rede, dass er seine Geliebte dreissig Jahre in einem Turm einsperren liess, weil sie ihm gefährlich wurde...... auch das natürlich nur so als kleine Anektote, die man zur Kenntnis nimmt und die der Bewunderung über diesen brutalen Menschen nichts antun kann.

Anders "dr Aegerter". Auch er war kein Lämmlein, aber dass er abertausende von Toten auf dem Gewissen hat, kann man ihm nicht nachsagen. Er war ein gewöhnlicher Büezer, ein Händler, ein Frauenbezirzer, ein Spinner, aber er war nicht viel anders als du und ich. Die Autorinnen entziehen sich der Versuchung, die Schattenseiten einfach auszublenden. Das "Stadtoriginal von der Thuner Hofstettenstrasse" lassen sie als Menschen mit positiven und negativen Seiten auferstehen. Eduard Aegerter lebt in der Erinnerung vieler Thunerinnen und Thuner in unterschiedlichen Rollen. Die älteren erinnern sich an ihn als Eismeister, welcher von der Jugend respektiert und verehrt wurde, denn dank ihm konnte man in Thun besser Schlittschuh fahren als anderswo. Dass er bei der Planung der Kunsteisbahn im Hintergrund eine wichtige Rolle spielte, war aber auch mir als älterem Thuner so nicht bewusst. Die meisten haben ihn vor allem als Antiquitätenhändler an der Hofstettenstrasse, an der Strasse nach Gunten, in Erinnerung, mit seinem "Gnusch" und "Grümpel", das sich bei näherem Hinsehen als wertvolle Einzelstücke erweist und nur zu horrenden Preisen die Hand wechselt. Im Alter dann war Aegerter ein alter Mann, der sich nur noch an Krücken bewegte, ungepflegt schlurfte er seinen Häusern entlang, doch wenn man ihm in die Augen schaute, blitzte sein Schalk auf und ein freundlicher Mensch grüsste die Passanten, die ihn anredeten: "Herr Aegerter", selbstverständlich, denn in der direkten Rede ist der Herr nicht im Himmel geblieben.

Nun ist der Aegerter nicht mehr, und irgendwie fehlt er. Die Hofstettenstrasse ist noch grauer geworden, und wer sich früher über die Unordnung und das Chaos vor seinen Häusern geärgert hat, mag sich nun gar ein wenig nostalgisch daran erinnern, dass zu jener Zeit zumindest ein wenig Leben war, jetzt ist alles tot. Für Betrieb gesorgt haben zumindest die bellenden Hunde, deren 40 oder 50 sollen es gewesen sein, und ein kürzlich verstorbener Tierarzt - auch er übrigens ein Unikum und Unikat, ein Mensch von ausserordentlicher Ausstrahlung, der "Doktor Hofer" - deckte den Hundenarr und bewahrte ihn vor der frühen Intervention der Behörden. Schliesslich wuchs die Meute allerdings dem Hundehalter über den Kopf hinaus, und der Tierschutzbeauftragte war gezwungen einzuschreiten. Und leitete damit indirekt auch den Untergang des alten Stadtoriginals ein, denn ohne Hunde war der Aegerter nicht mehr gleiche wie vorher.

Dass das Buch eine wertvolle CD-Rom mit einem Film von René Ulmer, einem Nachbarn von Eduard Aegerter, enthält, muss hier erwähnt werden. Eigentlich ist die Sichtung dieses einfachen Films für jeden Thuner und jede Thunerin ein absolutes Muss. Zusammen mit einigen Seminaristinnen gelang es "dem Ulmer" (ja, auch er ist ein Unikat und Unikum, ein erfreuliches in dieser Stadt, die viel zu wenig auf kreative Menschen setzt...), mit gspürigem Fragen und vor allem mit der nötigen Musse und Ruhe den Aegerter zum Erzählen zu bringen. Diese Erzählungen gehen weit über eine persönliche Biographie hinaus, sie sind eigentlich eine Geschichtslektion "von unten". Dass Aegerter im "Labi", d.h. in der Munitionsfabrik gearbeitet hat und sich dort eine Quecksilbervergiftung geholt hat, öffnet den Blick auf die Arbeitsbedingungen in den Fabriken der damaligen Zeit. Dass er dann Bootsfahrten mit einem Ruderboot des Oberhofner Schlossherrn und Uetendorfer Kirchenstifers Measy organisierte und so den Lebensunterhalt verdiente, dass ihm dann aber die Konzession verweigert wurde und er dieses Geschäft aufgeben musste, wäre einer geschichtlichen Einordnung Wert. Dies alles und viel mehr erfährt man im Buch. Klar ist es nicht Aufgabe einer Biographie, solche Episoden in den geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, interessant wäre es, wenn die Biographie von Eduard Aegerter Anlass zu einer noch etwas vernetzteren Darstellung des Thuner Lebens in der Mitte des 20.Jahrhunderts geben würde.

Zytglogge Verlag 2009

1.2.2010/GEA

Homepage | Familie | Musik | Kultur | Geschichten | Gedanken zur Zeit | Engagement | Sitemap


Untermenü


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü