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von Martin Suter
Identitätssuche im Mondenschein
Eigentlich müsste ich es wissen: Die Bücher von Martin Suter gelten als Trivial-Literatur, bestenfalls etwas gelungener als die Bastei-Romanheftli, seit Curtz-Mahler steht jeder Bestseller-Autor als billiger Profiteur des Kulturbusiness in Verdacht, und ein Erfolgsschriftsteller, der dazu noch Schweizer ist, erweckt den Neid nicht nur der Kulturkritiker, sondern auch der Blog-Gemeinde im Internet. Also werde ich mit Büchern beschenkt, die "echte" Kultur sind, Gedichtbände von seelisch misshandelten Frauen, oder Biographien von Prominenten, die von Pfuschärzten verdorben und vergiftet wurden, oder bestenfalls mit einem Bildband über die Höhlenbären von Alaska. Aber Martin Suter schenkt mir keiner. Ausser ich wünsche ihn mir explizit, setze ihn auf den Wunschzettel für das Christkind. Das habe ich getan, und am 24.Dezember habe ich zwar nicht das Chrsitkind, wohl aber meine geliebte Ehefrau, die dem Christkind in nichts nachsteht, losgeschickt auf die Suche nach diesem Roman. Wenn ich schon keine Schokolade bekomme, dann wenigstens das....
Und dann fasziniert mich das Buch, das als "nicht das Beste von Suter" gilt. Noch selten habe ich einen Roman bis zur letzten Seite einfach durchgelesen. Denn so unrealistisch die Story auch ist, so schilldernd und konstruiert die Figuren auch sind, so gekünstelt vieles wirkt ....... dem Buch und überhaupt Martin Suter die Ernsthaftigkeit abzusprechen, das geht nicht.
Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Urs Blank spielt in der obersten Liga der Merger-Advokaten, die sicher keinen Gerichtssaal von innen sehen, sondern nur noch die Geschäftswelt von London bis Zürich von oben. Und die verdienen, verdienen, verdienen, was das Zeugs hält. Eigentlich könnte er glücklich sein, unser Urs, er hat alles, wes das Herz begehrt: eine nette Frau zuhause, die ihn verehrt und auf Händen trägt; keine Kinder, die ihm ja nur lästig wären und an der Karriere hindern würden; und jede Menge Geld, das es erlaubt, auch mal eine Flasche Champagner für mehrere tausend Franken zu bestellen, wenn es darum geht, sich mit einem beleidigten Geschäftspartner zu versöhnen.
Doch ist das alles? Diese Frage stellt sich spätestens, als Urs Lucille begegnet, einer hübschen Hippiefrau, die so ganz anders lebt als er, die nichts von all dem hat, was ihm scheinbar wichtig ist - oder wichtig war. Denn mit Lucille ändert sich sein Leben, er steigt aus, nicht plötzlch, nicht bewusst, sondern allmählich, anfänglich noch mit einer akzeptierten Doppelmoral getarnt: Die Trennung von Beruf und Privatem. Die erste, die es wohl merkt, ist seine Partnerin Evelyne, aber welche Taktik auch immer sie anwendet - ignorieren, zur Rede stellen, toben, verzeihen - : Urs ist für sie verloren. Und der Wirtschaftsadvokat ist auch für sein Anwaltsbüro verloren, spätestens als er sich auf einen Psilocybin-Trip begibt, in Gemeinschaft mit der ihm doch so fremden Pilzli-Szene halbnackter Softies. Doch der Tripp endet im Horror, denn nebst den harmlosen Psilos wurde ihm auch MOAH verabreicht, ein "Impfstoffverstärker", der den Tripp unberechenbar und die Reaktionen nicht vorhersehbar macht. Nach einem missglückten Aufenthalt in einer Klinik endet Urs Blank als Waldmensch, auf der Flucht vor dem eigenen Ich, auf der Suche nach dem MAOH-haltigen "Bläuling", der sein Leben beherrscht wie vorher das Geld und der wirtschaftliche Erfolg sein Leben beherrscht haben. Und aus dem es kein Zurück gibt.
Die dunkle Seite des Mondes ist hell genug, um in die Tiefen der menschlichen Psyche zu gelangen: Identitätskrise, Flucht vor sich selbst, Suche nach dem Wahren und Scheitern. Eigentlich hätte Urs Blank Wirtschaftsanwalt bleiben können.
Altjahrswoche 2009/GEA
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