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Der grosse Kater

Kultur > Kino

Von der Einsamkeit der Gipfelstürmer

Die Verfilmung des Romans von Thomas Hürlimann gab im Vorfeld viel zu reden. Der letztjährige Bundespräsident Hans Merz wurde eingeladen, sich diesen Film anzusehen, und mit entsprechendem Tam Tam wurde diese Vorpremiere dann auch zum medialen Ereignis hoch stilisiert. Angeblich handelt der Film vom Vater des Autors, dem früheren Bundesrat Hürlimann.

Wer nun einen Dokumentarfilm erwartet, sieht sich getäuscht und eigentlich abgelenkt vom Gehalt des Films. Mit dem grossartigen Schauspieler Bruno Ganz in der Titelrolle kommen nämlich "Wahrheiten" zum Vorschein, die nicht mit "Reality" zu verwechseln sind. Vordergründig mag es im Buch und im Film um Intrigen gehen, darum, wie ein erfolgreicher Politiker demontiert und von seinem besten Freund zu Fall gebracht wird. Dieser Handlungsstrang schliesst an die Erkenntnis von Macchiavelli an: Du brauchst einen Freund, um zum Gipfel zu gelangen. Oben angekommen, musst du dich seiner entledigen, sonst stürzt er dich hinunter. Der Bundespräsident, das grosse Tier oder eben der grosse Kater, hat diese einfache Regel nicht beachtet. Er hat seinem besten Freund zu sehr vertraut und nicht gemerkt, wie dieser auf seinen Sturz hinarbeitet, um sich selbst in die Pole-Position zu bringen.


Aber dieser Handlungsstrang ist eigentlich der weniger interessante, der banalere. Für mich lebt der Film von den verschütteten Emotionen eines Mannes, der diese Emotionen nicht mehr zeigen, nicht mehr ausleben darf, weil "man" das als grosser Kater nicht mehr macht. Als Bundespräsident muss er seinen totkranken Sohn in einer Klinik verstecken, kann ihn nur inkognito besuchen. Daran zerbricht die Ehe. Als die Mutter seines Kindes nicht mehr bereit ist, die brave Ehefrau zu spielen und den ganzen Klamauk eines Staatsempfangs über sich ergehen zu lassen, scheint die Karriere zu Ende zu sein. Doch Achtung: Man sagt, Kater haben sieben Leben......

Tatsäclich: nach einer durchzechten Nacht erholt sich der Bundespräsident und holt zum Gegenschlag aus. Er weiht den spanischen König, mit welchem er auf der Alp eine militärische Uebung besucht und hier ein Abkommen unterzeichnet, in das Geheimnis ein, und dieser verhilft ihm zum grossen Auftritt in der Klinik, wo sein Sohn am Sterben liegt. Der grosse Kater müsste nur noch die rührende Homestory zulassen, und seine Karriere wäre gerettet. Da entscheidet er anders: Er jagt die Medien-Meute zum Spital hinaus und gibt seinen sofortigen Rücktritt von allen Aemtern bekannt. Ein bewegender, weil völlig unerwarteter Moment. Der grosse Kater stürzt sich selbst vom Podest und gibt der Menschlichkeit Vorrang vor der Macht. So rettet er denn seine Ehe - dafür versinkt er in der Vergessenheit. Seine Zeit ist um: Es gibt im Leben keine Gegenwart, denn wenn ich "jetzt" sage, ist dieser Moment schon vorbei. So bleibt dem einst grossen Tier nur noch die Erinnerung: Der spanische König, dessen Staatsbesuch seiner Karriere ein Ende bereitet hat, schickt noch alljährlich eine Neujahrskarte, anfänglich eine handschriftliche, später nur noch eine vorgedruckte.... Aber es ist ja nett, dass er uns nicht vergessen hat.

Alles in allem: ein berührender Film, feinfühlig dargestellt und mit einer angenehmen Kameraführung. Ein Schweizerfilm, der sich würdig in die Reihe früherer grosser Schweizer Filme einreiht. Wer Hollywood mag, möge zuhause bleiben. Es braucht schon die Bereitschaft, sich in die Figuren hineinzuversetzen, um den Film zu verstehen. Wer sich nur durch das apokalyptische Gruseln erschüttern lässt, wird von der Wahrheit unberührt bleiben und gelangweilt aus der Vorstellung hinaus in die Realität treten.

24.1.2010/GEA

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