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Anne Bäbi Jowäger

Kultur > Theater

Ein Stück Heimat - in fremder Sprache und fremder Umgebung

Es ist ein vergnüglicher Samstagabend, den wir in Belp verbringen. Die Gürbetaler Volksbühne Belp hat den Gotthelf-Roman "Anne Bäbi Jowäger" in der Theaterfassung von Sämi Fauk ausgewählt, und wir dürfen diese Aufführung als Weihnachtsgeschenk unseres Sohnes besuchen. Als Untertitel nennt sich das Theater "Ein Stück Gotthelf". Nur: Mit Jeremias Gotthelf hat dieser Abend wenig bis nichts zu tun.

Gotthelf hat Anne Bäbi Jowäger eigentlich als Auftragswerk verfasst, das merkt man dem ersten Buch an. Es kommt etwas gstabiger daher als andere seiner Romane. Die eingeflochtenen Belehrungen zur Volksmedizin wirken künstlich aufgesetzt, auch wenn die "Gütterler", "Schnäfler und "Kurpfuscher" gewiss recht realistisch gezeichnet werden, wie sie dem abergläubischen Volk das Geld aus der Tasche ziehen. Weltliteratur sind solche Sequenzen nicht, sie sind aus der damaligen Zeit heraus verständlich. Allerdingds entbehren sie nicht einer gewissen Parallelität zur heutigen angeblich so aufgeklärten Fernseh- und IT-Welt, in welcher es von Wahrsagern, Kartenlegerinnen und anderen Gesundheitsapostel nur so wimmelt. Und in welcher sich auch die Schulmedizin-Behörden mit ihren Horrorszenarien mehr als Marketingstrategen der Pharmaindustrie positionieren denn als wirkliche ärztliche Helfer.

Jeremias Gotthelf Johann, gemalt von Friedrich Dietler (1804-1874) in Bern um 1844; aus Wikipedia

Von diesem aktuellen Bezug ist in der Aufführung der Gürbetaler Volksbühne in Belp wenig oder nichts zu spüren. Und schon gar nicht schimmert durch, dass Anne Bäbi einer der bedeutensten Romane der Schweiz aus dem 19.Jahrhundert ist. Die grosse Leistung Gotthelfs nämlich liegt darin, dass er dieses Auftrags-Lehrstück vor allem auch im zweiten Band dann abgetieft hat zu einem eigentlichen Seelenroman, der die Nöte, Aengste und Qualen einer älter werdenden Frau schildert. Anne Bäbi Jowäger entwickelt sich nach einigen lustigen Kapiteln zu einer Tragödie im klassischen Sinne. Die Geistesverwirrtheit Annebäbis, ihre Selbstmordgedanken, die dunklen Seiten der verwandtschaftlichen Beziehungen zu Sohn und Schwiegertochter..... dies alles kommt im Roman derart dicht und ergreifend daher, dass man sich der Faszination des Werks nicht entziehen kann - sofern man sich die nötige Zeit nimmt, gerade diese handlungsarmen Stellen zu lesen statt nur zu überfliegen. Und der bigotte Vikar, welcher Anne-Bäbi hinter dem Rücken seines weisen Pfarrers zum rechten Glauben führen will und es stattdessen in tiefe Verzweiflung hinein stösst, wird zu einem Mahnmal gegen Fundementalismus jeder Art entwickelt.

Der Autor Sämi Fauk bleibt am Aeusseren des ersten Buches hängen, ausser den Figuren und ihren Namen erinnert wenig an den Erzähler Jeremias Gotthelf und an seine in die Tiefe dringende epische Schilderung der Menschen als Archetypen. Wahrscheinlich ist es für eine Theaterinszenierung nicht anders machbar. Dass man sich in der Schweiz an den Gotthelf-Filmen orientiert, ist wohl auch nicht mehr zu vermeiden. Diese Filme sind allerdings von schwer erreichbarer Qualität, wenn es ums dramatische Erzählen der äusseren Handlung geht. Wer Gotthelf sucht, findet ihn in der Aufführung von Belp nicht, wer aber ein Volksstück sucht, ist hier gut bedient.

Störend ist allenfalls, dass in einer Fremdsprache gesprochen wird, in einem Berndeutsch, das wohl auch vor 100 Jahren kaum mehr jemand wirklich gesprochen hat und das nun erst recht dazu führt, dass sich das Publikum vor allem auf die Kraftausdrücke und die anderen Gags konzentrieren und daran erfreuen muss. Eine etwas weniger fremde Sprache würde es auch tun, und der Aktualität des Stücks würde es auch dienen, wenn die ländliche Kultur des 19.Jahrhunderts nicht eins zu eins abgebildet würde. So aber wird jeder Bezug zur heutigen Aktualität sorgsam vermieden, ob bewusst oder unbewusst, ist mir nicht klar.

Dies alles soll aber keine Kritik an der Aufführung sein, schon gar nicht an der schauspielerischen Leistung der Laienschauspieler. Diese ist beachtlich und anerkennenswert. Wenn der Pfarrer nicht den Pfarrer spielt, sondern den Ziberlihoger-Bauern, und wenn dessen Schlauheit, Intransparenz, ja Verschlagenheit in Mimik und Gestik wirklich spürbar herüberkommt, dann ist das eine grosse Leistung. Und auch die anderen Schauspieler haben ja nicht nur mit der Darstellung und dem Text, sondern auch mit der altertümlichen Sprache zu kämpfen, und tun das brillant. Hervorzuheben ist auch das ausgezeichnete Programmheft, das ins Werk einführt und ein kleines Verzeichnis der altertümlichsten und nicht mehr gebräuchlichen Ausdrücke enthält. Der Abend könnte somit als Weiterbildungsanlass des Schweizerischen Idiotikons (Wörterbuch des schweizerdeutschen Idioms) dienen. In jedem Fall ist schon allein die Tatsache, das sich 20 bis 30 Leute intensiv mit dieser Sprache und mit dem ländlichen Leben des 19.Jahrhunderts auseinandergesetzt haben, "Kultur" im wahrsten Sinne und deshalb unterstützungswürdig. Und für uns Zuschauer ist dies mehr Kultur jedenfalls als das hoch subventioniert "Theater-Erlebnis" im Stadttheater Bern letztes Jahr, als wir die Aufführung zum Geburtstag des Albrecht von Haller in der Pause verliessen, weil das Stück von Bärfuss derart abstossend, Ekel erregend und letztlich banal daher kommt. In Belp jedenfalls kommen wir nie auf den Gedanken, die Aufführung vorzeitig zu verlassen.

16.1.2010/GEA

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