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Gottesdienste in Linden: ein Geheimtipp
Wenn Sie nicht gerade in unserer Gegend wohnen, wissen Sie sicher nicht, wo Linden ist. Es ist ein 1000-Seelen-Dorf oberhalb Oberdiessbach, in Richtung Röthenbach und liegt auf etwa 1000 m.ü.M. Ein typisches Emmentaler Dorf, ruhig, behäbig, konservativ, bernische SVP also, mit einem urchigen und manchmal auch holzschnittartigen, meist aber doch liebenswürdigen Menschenschlag, bei dem alte Werte wie Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein den Mitmenschen gegenüber noch etwas gelten.
Bekannt ist die Gemeinde einerseits durch den Töffrennfahrer Thomas Lüthi, einem "von hier", der es schon als ganz Junger zu etwas gebracht hat und dennoch bescheiden und sympathisch blieb. Dann durch eine Gemeindepräsidentin, die sich ab und zu von ihren Gemeindeschreiberinnen trennt, ob zu Recht oder Unrecht bleibt offen; bei einem Mann würde man sicher von Führungsstärke sprechen, bei einer Frau sind solche "knallharten" Entscheidungen eher suspekt und veranlassen das Thuner Lokalblatt jeweils zu umfangreichen, aber nichts sagenden Berichten. Und nicht zuletzt durch die christliche Lebensgemeinschaft "Methernita", die vom Dorf zurückgezogen ihr Eigenleben lebt und von der Bevölkerung immer noch an Vorfällen gemessen wird, die vor 40 Jahren die heile Welt rund um Thun etwa so erschüttert haben wie heute die unheile globalisierte Welt durch ähnliche Vorfälle in katholischen Internaten erschüttert wird; dass seither nie mehr etwas Aehnliches passiert ist und dass vor allem viele weltoffene, fröhliche und gescheite Menschen hier wohnen, geht in einer Flut von Vorurteilen unter.
unten: Pfarrer Beat Weber vor "seiner" Kirche in Linden bei Oberdiessbach
Wie in den meisten bernischen Dörfern steht die Kirche zmitts im Dorf. Sie wurde kürzlich renoviert und erstrahlt nun in neuem Glanz, ohne Prunk und Protz, aber ein typischer bernischer Landbarockbau, eine Hallenkirche, die man eben für Gottesdienste und auch für andere Veranstaltungen nutzen kann. Zum Beispiel für Konzerte.
In Linden haben sie einen Pfarrer, der es versteht, die Dorfbevölkerung immer wieder ins kirchliche Geschehen einzubeziehen. Selber Töfffahrer, dürfen natürlich Töff-Gottesdienste nicht fehlen, im Sommer gibt es Alpgottesdienste, zwischenhinein spielt der Posaunenchor oder singt der Jodlerchor. Sicher, es sind nicht Menschenmassen, die sich am Sonntagmorgen jeweils der Kirche zu bewegen, aber bezogen auf die Grösse des Dorfs lässt sich der Gottesdienstbesuch gewiss sehen.
Dass wir hie und da unseren Peugeot aus der Garage nehmen, um nach Linden zu fahren, weist aber doch darauf hin, dass die Gottesdienste gehaltvoll sind; denn nichts hasse ich so sehr als reformierte Predigten über die Köpfe der Menschen hinweg mit viel warmer Luft, die aus dem Ballon entweicht, wenn man kurz hinein sticht. Anders in Linden: Pfarrer Beat Weber versteht es, relativ kurz und knapp etwas auszudrücken, das die Gottesdienstbesucherinnen verstehen - ja manchmal vielleicht fast zu gut verstehen, weshalb der Pfarrer wie einst Gotthelf nicht nur Freunde hat. Aber ein Pfarrer, der nur Freunde hat, erfüllt mit Sicherheit seine Aufgabe als Mahner nicht.
Am 28.Februar 2010 gab es nun in der Kirche Linden während des Gottesdienstes einen besonderen musikalischen Leckerbissen, eine Kombination von Konzert und Gottesdienst zu einem "Konzert-Gottesdienst". Das Trio NEWA aus St. Petersburg, bestehend aus zwei Sängerinnen (Natalija Vlasova, Sopran; Olga Romanovskaja, Alt) und einem Sänger (Sergej Leonovitsch, Kontertenor), führte die Gottesdienstbesuchenden in die Welt der (z.T. neueren) russisch-orthodoxen Gesänge ein. Wer diese Harmonien liebt, kam voll auf die Rechnung, auch wenn der Iwan Rebrow - Bass für einmal fehlte und sich die Männerstimme in der Alt-Lage bewegte. Ein gelungener Versuch, fremde Känge in die Emmentaler Kirche zu bringen, verbunden mit einer sinnigen und wohl überlegten Predigt über Loslassen und Zulassen. So wird ein Gottesdienst zum Höhepunkt des Wochenendes, der sogar die Niederlage von Dario Cologna im 50 km-Skilanglauf an der Olympiade vergessen lässt. Danke dem Dorfpfarrer..... und gute Erholungszeit in den nun vorgesehenen Ferien bis Ostern!
3.3.2010/GEA
oben: Trio NEWA aus St. Petersburg (Russland), bestehend aus Natalija Vlasova, Sopran; Olga Romanovskaja, Alt und Sergej Leonovitsch, Kontertenor